Die Reinrassigen

Wenn die Innenminister des Bundes und Hessens ungeachtet der Tatsache, dass die Mehrzahl der Täter*innen einen Deutschen Pass haben, von „migrantischen Milieus“ raunen, dann trennen sie Deutsche von weniger Deutschen.

Die deutsche Geschichte enthält hierzu eine Warnung, die wie jetzt Poseck und Dobrindt es belegen leider aktueller bleibt, als viele wahrhaben wollen. Die Katastrophe des 20. Jahrhunderts begann nicht erst dort, wo Menschen entrechtet, verfolgt und ermordet wurden. Sie begann viel früher: mit der Vorstellung, dass die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft nicht durch gleiche Rechte und gleiche Pflichten bestimmt werde, sondern durch Abstammung, Herkunft oder Blut.

Gerade deshalb verzichtet das Grundgesetz bewusst auf jede völkische Definition des Deutschen. Die Bundesrepublik versteht sich als Rechts- und Bürgergemeinschaft, nicht als Abstammungsgemeinschaft. Wer hier Bürger ist, gehört dazu. Punkt.

Vor diesem Hintergrund sollte Politik mit Begriffen wie „migrantisches Milieu“ besonders sorgfältig umgehen. Denn solche Formulierungen verschieben die Aufmerksamkeit weg von der individuellen Tat und hin zur Herkunft. Sie legen nahe, dass zwischen Deutschen und Deutschen mit familiärer Einwanderungsgeschichte ein politisch relevanter Unterschied bestehe, der über die Staatsbürgerschaft hinausreicht.

Das ist eine gefährliche Denkrichtung. Nicht, weil damit bereits ein völkisches Weltbild vertreten würde, sondern weil eine seiner Grundannahmen mitschwingt: die Vorstellung, Herkunft sei für die politische Zugehörigkeit wichtiger als die gemeinsame Bürgerschaft.

Die demokratische Lehre aus der deutschen Geschichte lautet jedoch das Gegenteil. Es gibt keine Menschen erster und zweiter nationaler Echtheit. Es gibt keine Abstufungen des Deutschseins nach Familiengeschichte, Hautfarbe oder Namen. Es gibt nur Bürger, die sich an Recht und Gesetz halten – und Bürger, die es nicht tun.

Deutschlands historische Lektion lautet nicht: Achte darauf, wer woher kommt. Sie lautet: Werde misstrauisch, sobald jemand aus Abstammung eine politische Kategorie macht.