Das Sensationsdilemma

Illustration spätmittelalterliche Szenerie einer Frau, die von Schergen zu einem Scheiterhaufen geführt wird. Der eine Scherge sagt zu anderen: Heute werden wieder Hitzerekorde geknackt. Textzeile: Klimakommunikation in Zeiten fossiler Gewinne

Was wir einst Sommer nannten, verwandelt sich zunehmend in eine lange Hitzewelle mit gelegentlichen Unterbrechungen durch Wetter. Böden trocknen aus, Flüsse und mit ihnen Verkehrswege versiegen, Städte finden selbst nachts keine Abkühlung mehr. Die Ausnahme wird zur Regel. Und dennoch liest man Schlagzeilen, die klingen, als stammten sie aus dem Sportteil: Wieder werden „Hitzerekorde geknackt“.

Warum wird die Sprache dieser Krise ausgerechnet dem Wettbewerb entlehnt?

Rekorde werden gebrochen, übertroffen, geknackt. Das sind Verben aus einer Welt der Leistung und des Fortschritts. Sie gehören auf Laufbahnen und in Stadien. Ein Rekord erzählt gewöhnlich die Geschichte eines Erfolgs. Selbst wenn ein Text warnen will, schwingt daher etwas von Außergewöhnlichkeit und Triumph mit.

Natürlich wissen Journalisten das. Medien sind professionelle Sprachbetriebe. Überschriften werden getestet, Formulierungen abgewogen, Aufmerksamkeit vermessen. Niemand kann ernsthaft behaupten, man kenne die Wirkung von Sprache nicht. Professionelle Kommunikation ist nie absichtslos.

Deshalb lautet die eigentliche Frage nicht, warum von Rekorden gesprochen wird. Die eigentliche Frage lautet, warum ein Prozess fortwährend als Ereignis erzählt wird.

Der Klimawandel ist kein Ereignis. Er hat keinen klaren Anfang, keinen Höhepunkt und kein Finale. Er ist ein langfristiger Umbau der Lebensbedingungen auf diesem Planeten. Gerade darin liegt seine kommunikative Schwierigkeit. Journalismus dagegen ist auf Ereignisse zugeschnitten: Wahlen, Kriege, Abstürze, Skandale. Die Logik des Nachrichtenbetriebs verlangt nach dem Neuen, nach dem, was gestern noch nicht der Fall war.

Der Klimawandel verweigert sich dieser Logik. Seine Botschaft lautet nicht, dass heute etwas Neues geschieht, sondern dass sich etwas seit Jahrzehnten fortsetzt.

Um darüber berichten zu können, verwandeln Medien den Prozess in eine Kette von Ereignissen. Jeder Temperaturhöchstwert wird zur Nachricht, jeder Rekordtag erhält seine eigene Dramaturgie. Aus der langsamen Katastrophe wird eine Serie von Sensationen.

Genau darin liegt die Verfälschung.

Der Rekord lenkt die Aufmerksamkeit vom Trend auf dessen jüngsten Ausschlag. Er suggeriert, die Geschichte liege in der neuen Zahl. Tatsächlich liegt sie darin, dass solche Zahlen überhaupt regelmäßig erreicht werden. Die Nachricht ist nicht der Rekord. Die Nachricht ist die Normalität des Rekords.

Was als Zuspitzung gedacht ist, wirkt deshalb paradoxerweise verharmlosend. Die existenzielle Dimension des Problems verschwindet hinter seiner Ereignisform. Das Publikum verfolgt die Temperaturentwicklung wie einen Liveticker: noch ein Zehntelgrad, noch ein Rekord, noch eine Eilmeldung.

So wird Gefahr zum Spektakel.

Darin liegt die eigentliche Tragik der Klimaberichterstattung. Je bedrohlicher die Entwicklung wird, desto stärker greift der Journalismus auf jene Mittel zurück, mit denen er Aufmerksamkeit erzeugt: Rekorde, Spitzenwerte, Höchstmarken. Die Sprache wird dramatischer und trifft doch immer weniger den Kern.

Denn dramatisch ist nicht, dass heute ein Rekord fällt. Dramatisch ist, dass niemand mehr überrascht ist, wenn wieder einer fällt.

Der Rekord erscheint als Ausnahme. Die Ausnahme aber ist längst vorbei. Genau das wäre die Nachricht. Doch sie lässt sich mit den Werkzeugen der Ereignisberichterstattung kaum erzählen. Also berichtet man weiter über gebrochene Bestmarken, als säße man auf der Tribüne eines Wettkampfs. Und so wird aus einer existenziellen Veränderung der Welt die Fortsetzung eines vertrauten Spiels.