False Flag

Die False Flag Erzählungen des Kanzlers sind die letzten Winkzeichen eines sich am Horizont der Zeitläufte verlierenden Menschen, der sich noch von seinen geringen Fähigkeiten vollständig entkleidete, um auf einer allein auf der Hybris seines Anspruchs selbstgeschaffenen Insel der Ohnmacht zu stranden. Wie verzweifelt muss ein Kanzler sein, wenn er selbst dann noch eine False-Flag-Erzählung auftischt, während selbst die Stimmen aus der eigenen Partei längst eine andere Geschichte erzählen? Da versucht er in bemühter Rhetorik, die überzähligen Stimmen für Rausch als wie er es herleitet False-Flag-Operation, als Werk finsterer Intriganten zu verkaufen. Als hätte es nie die öffentlichen Debatten in seiner Partei gegeben. Nie die wiederkehrenden Forderungen seiner Parteikollegen nach einem »normalen Umgang« mit der AfD. Nie jene Stimmen aus den eigenen Reihen, die eine politische Annäherung seit Jahren vorbereiten und begleiten. Nicht zuletzt sein eigene Zutun.

Das Bittere daran ist nicht einmal die erkennbar fadenscheinige Behauptung selbst. Das Bittere ist die Durchsichtigkeit, mit der sie die Ohnmacht eines politisch vollständig Gescheiterten atmet. Einem, dem als letzten intellektuellen Rückzugsort vor der Wirklichkeit bleibt nur noch das Offenkundige kurzerhand zur Verschwörung umzudeuten. Merz gehört zu jenen Menschen, die sich mit Ockhams Rasiermesser lieber den Kopf abschneiden, als unpassendes Gesichtshaar zu entfernen, wenn Wirklichkeit nicht die eigenen Vorstellungen treffen will. Das Bittere ist aber auch, zu sehen, dass die Parteigänger der Union wie ihre Spitzen offenbar willens sind, die Selbstlüge zu glauben. Wenn man einen Grund für den Niedergang der Union suchte: die Bereitschaft zur Flucht vor der selbstgeschaffenen Realität wäre einer.

Ein Kanzler sollte dem Land helfen, Tatsachen auszuhalten. Stattdessen flieht er vor einer Wahrheit, deren Anerkennung die unangenehme Konsequenz hätte, sich einzugestehen, dass die Fliehkräfte seiner Verschiebung des Diskurses an den rechten Rand große Teile der Union längst weit über diesen schwappen ließen. Wer es jahrelang als Politik begriff, die Narrative der extremen Rechten nicht nur zu legitimieren, sondern in Bundespolitik zu überführen, wer jahrelang bewusst mit Begriffen, Tabubrüchen und Grenzverschiebungen hantierte, sollte am Ende nicht überrascht sein, sich und seine Partei jenseits dieser Grenze wiederzufinden.

Die Partei, vor allem aber das Land, hätten Besseres verdient als die Ausflüchte eines Mannes, der vor den Folgen seiner eigenen Politik davonläuft. Vertrauen entsteht nicht dadurch, offensichtliche Widersprüche unter immer neuen Erzählungen zu begraben. Vertrauen entsteht dort, wo politische Verantwortung beginnt: bei der Bereitschaft, der Wahrheit ins Auge zu sehen, auch wenn sie unbequem ist. Für Merz hieße das vor allem eines: einzugestehen, dass er gescheitert ist. Tatsächlich Verantwortung zu übernehmen statt unter Verantwortung zu verstehen, Forderungen an andere zu stellen.