Man kann eine Sekte prinzipbedingt nicht inhaltlich stellen.

Illustration eines Mannes, der eine Augenbinde trägt und sich anstrengt, die Ohren zu halten. Die Augenbinde trägt den AfD-Logopfeil. Textzeile: Was man sieht, wenn man
eine Sekte inhaltlich stellen will

Die AfD wirkt zunehmend weniger wie eine politische Partei im klassischen Sinne und mehr wie eine politische Glaubensgemeinschaft. Ihre Anziehungskraft entsteht nicht primär aus ihrem Programm, das selbst viele ihrer Anhänger kaum im Detail kennen, sondern aus einem gemeinsamen Gefühl: dem Gefühl des Verlusts, der Zurücksetzung und der Wut. Wo anderen Parteien eine gesellschaftliche Vision, ein politisches Projekt oder ein konkreter Gestaltungsanspruch zugrunde liegt, stiftet die AfD Identität vor allem über Abgrenzung. Nicht das Gemeinsame zählt, sondern das Trennende. Nicht die Lösung, sondern die Schuld und der Schuldige.

Schuld sind die Anderen. Schuld ist das System. Schuld sind die Fremden, Eliten, Medien, Wissenschaftler oder politische Gegner. Die konkrete Besetzung der Feindbilder wechselt fließend. Ihre Funktion bleibt dieselbe: Komplexität durch Zuschreibung zu ersetzen. Wo die Wirklichkeit anstrengend wird, bietet die AfD einfache Gewissheiten und einen universell anschlussfähigen Opfermythos: Mir geht es schlecht, jemand anderes als ich trägt die Verantwortung.

Genau deshalb ist es wichtig, einen grundlegenden Unterschied zu verstehen, denn man kann eine Sekte prinzipbedingt nicht inhaltlich stellen.

Die AfD als Sekte zu betrachten ist dabei keine Beleidigung. Es ist eine Feststellung über die Funktionsweise geschlossener Weltbilder. Wer Widerspruch als Bestätigung eigener Wahrheiten verarbeitet, wer Kritik als Feindhandlung und jede Widerlegung als Beleg der eigenen Verfolgung deutet, hat den Raum der Argumentation bereits verlassen. Argumente scheitern dort nicht an ihrer Qualität. Sie werden gar nicht mehr als Argumente sondern nur noch als Bestätigung eigener Opferstilisierung wahrgenommen.

Umso erstaunlicher ist das politische Mantra, mit dem insbesondere die Union seit Jahren jede Diskussion über ein Verbotsverfahren abwehrt: Man müsse die AfD „inhaltlich stellen“.

Als wäre das nicht längst versucht worden. Als fehlten Argumente, Fakten, Studien, Debatten, Analysen oder öffentliche Auseinandersetzungen. Nichts davon hat den Aufstieg der Partei verhindert. Nichts davon hat den harten rechtsextremen Kern ihrer Anhängerschaft daran gehindert, weiter zu wachsen und immer neue Mitläufer bis weit in die politische Mitte hineinzuziehen. Nichts davon hat die Dynamik gebrochen, die aus Ressentiment Identität und aus Identität politische Loyalität macht.

Die Behauptung, man müsse nur länger erklären, aufklären und widerlegen, verrät deshalb inzwischen mehr über ihre Vertreter als über ihr Objekt. Denn wer nach Jahren des gescheiterten Stellens weiterhin dieselbe Formel wiederholt, beginnt selbst den Charakter eines Glaubenssatzes anzunehmen.

Das „inhaltliche Stellen“ erfüllt längst nicht mehr die Funktion einer Analyse. Es erfüllt selbst die Funktion einer Weltabkehr, eines Bekenntnisses, einem zunehmend geschlossenem Weltbild. Hier: einem Weltbild, welches notwendigerweise voraussetzt es mit einer demokratischen Partei zu tun zu haben, mit der man spricht und die man nicht verbietet. Das in Ermangelung anderer Argumente gerne gebrachte Binnenschlussargument, die AfD sei eine demokratische Partei, eben weil sie ja von Mehrheiten gewählt werde, weist auf die Dimension des hierfür notwendigen intellektuellen Scheiterns.

Und genau darin liegt die eigentliche Tragik. Geschlossene Weltbilder ähneln einander oft stärker, als ihre Inhalte vermuten lassen. Sie teilen die Überzeugung, bereits im Besitz der Wahrheit zu sein. Sie teilen die Neigung, widersprechende Erfahrungen abzuwerten. Sie teilen den Glauben, die Wirklichkeit müsse sich letztlich den eigenen Annahmen fügen.

So entsteht eine paradoxe Nähe. Nicht notwendigerweise in den politischen Zielen, auch wenn diese mittlerweile bis auf Details selbst für die Akteure oft kaum noch unterscheidbar sind, wohl aber im Verhältnis zur Realität. Auf der einen Seite eine politische Bewegung, die sich zunehmend über Freund-Feind-Kategorien definiert. Auf der anderen Seite konservative Teile von Union und SPD, die unbeirrt an einer Strategie festhalten, deren Scheitern sie seit Jahren minutiös und schmerzhaft genau beobachten können. Beide eint nicht nur in diesem Punkt die bemerkenswerte Fähigkeit, aus dem Ausbleiben der erwarteten Wirkung keinen Anlass zur Überprüfung der eigenen Annahmen abzuleiten.

Man kann eine Sekte nunmal prinzipbedingt nicht inhaltlich stellen. Wer das dennoch beharrlich behauptet, sollte irgendwann die unangenehme Frage beantworten, ob er noch einer Analyse folgt oder bereits einem Glaubenssatz. Ob er noch verstehen, oder bereits glauben will.