
Es gibt Unternehmen, die an äußeren Umständen scheitern. Und es gibt Unternehmen, die so groß werden dass sie ihre eigene Realität erschaffen, an welcher sie in Folge scheitern. Volkswagen gehört aktuell zur zweiten Kategorie.
Während der Konzern um seine Zukunft ringt, stehen rund 50-100.000 Arbeitsplätze zur Disposition, Werke werden geschlossen, wichtige Investitionen werden verschoben und ausgerechnet die Entwicklung eines vollelektrischen Golf wurde aus Kostengründen(sic!) für Jahre auf Eis gelegt. Gleichzeitig soll das Management von abgesenkten Bonihürden profitieren, weil die ursprünglich gesetzten Ziele offenbar nicht mehr erreichbar erscheinen. Über all dem schweben hartnäckige Spekulationen über mögliche chinesische Übernahmeszenarien. Die allmächtig gedachte deutsche Industrie-Ikone wirkt plötzlich wie ein Koloss, der unter hilflos unter seinem eigenen Gewicht zu schwanken scheint.
Dabei liegt die eigentliche Tragik tiefer. Denn die Krise von Volkswagen ist nicht das Ergebnis eines überraschenden Strukturwandels. Sie ist das Resultat einer jahrzehntelangen Entscheidung gegen alle Realität.
Heute nur noch Insidern und Nerds bekannt, dass Volkswagen bereits in den 1980er Jahren elektrische Golf-Modelle in Serie baute. Gewiss, die Stückzahlen waren gering. Die rund 250 Fahrzeuge in zwei Generationen dienten als Versuchsträger. Doch sie fuhren nicht als wilde Entwurfskisten in Laboren, sondern bereits als reguläre Serienfahrzeuge bei realen Großkunden im Alltag. Bereits damals experimentierte Volkswagen mit Rekuperation, Energiemanagement und jenen Technologien, die heute zum Standard moderner Elektromobilität gehören.
Man stelle sich für einen Moment vor, der Konzern hätte diesen Weg konsequent weiterverfolgt. Volkswagen müsste heute nicht vom Elektroamateurfeld startend aufholen, sondern wäre der Maßstab, an dem sich die globale Konkurrenz messen müsste.
Stattdessen verschwand die Elektromobilität bei VW in den Schubladen. Der Verbrenner wurde zur gewinnträchtigen Staatsräson des Konzerns erhoben. Selbst als die Zeichen der Zeit längst sichtbar waren, hielt man daran fest, schreckte nicht einmal davor zurück, die Realitätsverweigerung mit kriminellen Abgasbetrug zu schützen. Aus technologischem Vorsprung wurde selbst verordneter Stillstand.
Das eigentlich Bemerkenswerte ist deshalb nicht, dass Volkswagen heute in Schwierigkeiten steckt. Das wahrhaft Bemerkenswerte ist, dass der Konzern bereits vor fast einem halben Jahrhundert den entscheidenden Hinweis auf seine eigene Zukunft in den Händen hielt, diese also durchaus erkannte. Und man dann die Zukunft in die Schublade verbannte, weil sie mit ihrer Realität kollidierte.
Hätte Volkswagen damals Einsicht und vielleicht auch Mut gehabt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, spräche man heute über einen Entwicklungsvorsprung von einem halben Jahrhundert.
Die Geschichte von VW ist daher auch eine Geschichte über die gefährlichste Versuchung großer Machtkonzentrationen: dem Irrglauben, die Realität werde sich schon der eigenen Projektion unterwerfen.
